Das italienische Lifestyle Magazine

Ein Leben in zwei Heimaten

Die Geschichte von Maria Carroccio Ricchiuti. Wir von ILI-Magazine haben die Italienerin in Solingen besucht und Ihre spannende Geschichte gehört:

Mein Name ist Maria Carroccio Ricchiuti. Geboren wurde ich im Juni 1966 in San Fratello, einem kleinen Ort 13 km vom Meer entfernt an der Nordküste Siziliens, in der Provinz Messina.

Mein Vater (geb. 1936) war seinerzeit in Italien als Bäcker, Maurer, Lkw-Fahrer, im Steinbruch und anderes tätig, bis dann 1960 das Angebot kam, nach Deutschland zu kommen.

Meine Mutter, (geb. 1934), frisch verheiratet (1958) und selbst Mutter geworden, blieb damals mit meinem Bruder alleine zurück.
Die erste Reise meines Vaters nach Deutschland führte ihn als Arbeiter in die Landwirtschaft zu einem Hof nach Garlsdorf in Niedersachsen. In den 60er Jahren pendelte mein Vater zwischen San Fratello, Norditalien und Deutschland. 1970 war seine erste Arbeitsstelle bei der Gießerei Großmann in Solingen-Wald.
Später wechselte er zur Firma Rautenbach Aluminiumguss am Mangenberg, wo der heutige Baumarkt OBI ansässig ist. Hier blieb er bis zu seiner Rente.
Bevor mein Vater seine Familie 1972 nach Solingen holte, lebte er in den sogenannten Baracken. Das waren Unterkünfte für Gastarbeiter, die aus mehreren Zimmer hintereinander bestanden. In jedem der Zimmer, die nur notdürftig ausgestattet waren, wohnten zwei bis drei Personen.
Für uns hatte mein Vater eine Wohnung an der Glockenstraße in Solingen-Höhscheid gemietet.
Dort wohnten wir in einem Haus zusammen mit einer anderen italienischen Familie aus San Fratello.
Für mich war es die erste große Reise, als ich das erste Mal nach Solingen kam, im Februar 1972, mitten im Winter. Wir reisten mit dem Zug. Die Reise war sehr spannend. Meine Mutter war da weniger entspannt, da sie nicht nur mit drei Kindern, sondern auch mit unzählig vielen Koffern allein unterwegs war.

In Solingen angekommen, fand meine Mutter zuerst bei der Firma Krups, dem Elektrogerätehersteller an der Foche, eine Arbeit. Aber nach kurzer Zeit wechselte sie zum Altersheim in Gräfrath.
Sie wechselte später mit schweren Herzens in eine Fabrik, ebenfalls zur Firma Rautenbach Aluminiumguss, wo sie, wie auch mein Vater, bis zu ihrer Rente arbeitete.

Als ich das erste Mal mit fast sechs Jahren nach Solingen kam, also im Februar 1972, musste ich im Oktober schon wieder zurück nach San Fratello zu meiner Oma, damit ich dort die Schule besuchen konnte, denn meine Eltern wollten ja nur ein paar Jahre in Deutschland bleiben. Für mich war die Situation in Deutschland nicht einfach. Meine Geschwister wurden damals direkt in die sogenannten italienischen Integrationsklassen aufgenommen. Ich war dafür noch zu klein. Eine sehr liebe ältere deutsche Nachbarin bot meiner Mutter an, auf mich aufzupassen. Die Verständigung bei dieser Konversation erfolgte mehr mit Händen und Füßen
Ich lernte bei ihr schnell deutsch und war stolz, sogar das Deutsch meines Vaters zu berichtigen, der ja schon viel länger in Deutschland lebte als ich.
Während dieser Zeit besuchte ich auch für kurze Zeit den Kindergarten.

In Italien angekommen, fing für mich ein anderes Leben an. Mein Opa, der Vater meiner Mutter, mochte mich nicht besonders. Ich glaube, er hatte Groll gegen meinen Vater, der es nicht „geschafft“ hatte, seine Familie durch eine Arbeit im Ort zu ernähren, sondern sie quasi gezwungen hatte, auszuwandern.
Ein zusätzlicher Grund, wieso mein Opa mich nicht sehr mochte, war schließlich, dass ich nicht den Vornamen seiner Frau, sondern den der Großmutter väterlicherseits bekommen hatte. Die Vergabe der Vornamen war zur der Zeit eine fest verankerte Tradition bei uns. Später als meine Oma krank wurde war ich gezwungen, wieder nach Deutschland zu kommen. Das war 1975.

In Solingen besuchte ich die vierte Integrationsklasse. Nach nur einem Jahr sollte ich von der Integrationsklasse zur deutschen Schule wechseln, da ich schnell die Sprache wieder gelernt hatte. Aber natürlich durfte ich „nur“ in die Hauptschule. Eine andere Schulform kam für uns Kinder aus den Integrationsklassen nicht in Frage und unsere Eltern wussten sowieso zu wenig über das deutsche Schulsystem, um für uns eine andere Möglichkeit zu suchen. Aber für mich kam es dann doch anders als geplant. Meiner Oma in Italien ging es besser und sie wollte mich gerne wieder aufnehmen. Also ging ich zurück. Ich kam erneut zu meiner alten Klasse zurück, inzwischen die 5. Grundschulklasse.
Zum besseren Verständnis: In Italien ist das Schulsystem anders aufgebaut als in Deutschland. Es gibt fünf Grundschulklassen (Scuola Elementare), danach erfolgt der Wechsel zur dreijährigen Mittelschule (Scuola Media). Diese war schon damals eine Pflichtschule. Erst danach wird die weiterführende Schule, je nach Schwerpunkt, ausgewählt. Die ersten zwei Jahre dort sind inzwischen Pflicht, danach kann man, nach insgesamt fünf Jahren, das Abitur (Maturità) erreichen.
Meine Familie kam jedes Jahr im Sommer nach Italien. Meine Mutter hatte jedes Mal extra Koffer dabei voll mit Kleidern und Nylonstrümpfen für die Damen; Hemden und T-Shirts für die Herren, Schokolade und Süßigkeiten für die Kinder; dann noch mit Kosmetik- und Drogerieprodukten, mit deutschem löslichem Kaffee und mit Tee, Haushaltsartikeln und noch vielen anderen Dingen, die zum größten Teil an Verwandte, Freunde, Bekannte und Nachbarn verschenkt wurden. Die Ware aus Deutschland war heiß begehrt, denn sie wurde als qualitativ sehr hochwertig empfunden.

Ich wurde älter, meine Oma auch, dann starb mein Opa. Ab meinem elften Lebensjahr wurde das Leben bei meiner Oma für mich zunehmend schwieriger. So wurde die Entscheidung gefällt, mich 1980, nach dem Ende der Pflichtschulzeit, nach Deutschland mitzunehmen. Das war das dritte und letzte Mal. Meine Schwester hatte gerade geheiratet, mein Bruder war auch fast aus dem Haus. So lebte ich in Deutschland, wenn auch ungewollt, als Einzelkind weiter.

Damals gab es in Köln ein italienisches Schulinstitut mit Namen I.S.I.S.
Die Sekretärin lehnte jedoch nach Rücksprache mit dem Direktor meine Aufnahme ab, mit der Begründung, dass jetzt die deutsche Pflichtschulzeit von 10 Jahren ausschlaggebend sei und ich diese nicht erfülle.
Das bedeutete die Einschulung in die italienische Vorbereitungsklasse auf der Hauptschule Löhdorf.

Später wechselte ich in die reguläre zehnte Klasse der Hauptschule. Diese Klasse besuchte damals auch mein jetziger Mann, der sich damals jedoch weigerte, mir irgendwelche technische Begriffe zu erklären und mir dadurch besonders unsympathisch war.
Inzwischen hatten wir erfahren, dass das Institut in Köln jetzt doch italienische Kinder, die direkt aus Italien kommen, aufnehmen würde. So fuhren mein Vater und ich wieder nach Köln, präsentierten meinen italienischen Abschluss und ich schrieb mich in das „Istituto Magistrale“ ein. In Italien hätte ich das „Liceo Classico“ (Klassisches Gymnasium) besucht, in Deutschland hatte ich keine große Wahl.
Nach vier Jahren schaffte ich einen guten Abschluss. In Italien entsprach dies der beruflichen Qualifizierung als Grundschullehrerin. Dieser wurde hier zwar nicht als Berufsabschluss anerkannt, aber immerhin als Schulabschluss und zwar als Fachgebundene Hochschulreife.

Mein Mann kam fast zur gleichen Zeit wie ich nach Deutschland, ebenfalls mit fünf Jahren. Er hat hier die Schulen besucht und obwohl er ein guter Schüler war, schickte ihn seine Grundschullehrerin ebenfalls „nur“ zur Hauptschule. Danach hat er eine Ausbildung zum Speditionskaufmann absolviert und sich später, als wir schon verheiratet waren, durch ein Abendstudium an der Technischen Akademie in Wuppertal zum Verkehrsfachwirt weitergebildet.
Meine erste Arbeitsstelle bekam ich eher zufällig, als ich mein Abschlusszeugnis zwecks Anerkennung beim Internatonalen Übersetzungsbüro in Solingen übersetzen lassen wollte. Hier war ich für den laufenden Betrieb des Büros verantwortlich, von der Auftragsabwicklung über die Kassenführung bis zur Kundenbetreuung.
Mein Arbeitslohn dafür betrug 1000 DM brutto monatlich!

Nach einigen Jahren bemerkte ich jedoch, dass ich so nicht weiter kam. Ohne gültige deutsche Ausbildung, hatte ich kaum Chancen, mich auf andere Stellen zu bewerben, auch um bessere Verdienstmöglichkeiten zu erhalten. So bewarb ich mich um eine Ausbildungsstelle als Bürokauffrau bei einem Betrieb für Fenster und Türenvertrieb und -einbau. Erst nachdem ich ein Jobangebot bei einem italienischen Großhandel in Haan bekam, beendete ich meine Ausbildung in diesem Betrieb.

Ausschlaggebend dafür war jedoch die Information durch die Industrie- und Handelkammer, den Abschluss als Bürokauffrau durch eine einjährige Abendschule bei der damaligen Wirtschaftsschule Küster erwerben zu können. Das bedeutete, dass ich, neben meinen Vollzeitjob beim Großhandel, abends und für einige Monate auch samstags in die Schule musste. Nach der Prüfung vor der IHK erwarb ich im Mai 1990 (da war ich im sechsten Monat schwanger) endlich einen anerkannten deutschen Ausbildungsabschluss!

Ende August 1990 kam mein erster Sohn Gianluca Mauro zu Welt. Nach der Erziehungsphase fing ich wieder an zu arbeiten.
Im Jahre 1993, schrieb ich mich an der Fernuni Hagen im Fach Soziologie ein, Nebenfächer Erziehungswissenschaft und Psychologie, denn mich trieb immer noch der Gedanke, zu studieren. Das war immer mein Wunsch gewesen.

Danach bewarb ich mich um eine Halbtagsstelle bei der Firma Franzen, einem Metall- und Kunststoff verarbeitenden Betrieb in Wald als Exportmitarbeiterin. Die Tätigkeit im Export war sehr interessant. Mein Studium lief sehr gut, endlich war mein Wunsch in Erfüllung gegangen.

Inzwischen war mein Sohn im Kindergarten. 1996 kam mein zweiter Sohn Robin Alfio zur Welt. Nach der Erziehungsphase ging ich zur Firma Franzen zurück. Aber meine Stelle war nicht mehr frei. Die Exportabteilung war neu strukturiert und mit ganz neuen Mitarbeitern besetzt worden. Ich wurde in eine Ecke in einem Großraumbüro zur Dateneingabe verdonnert. Diese „anspruchsvolle“ Tätigkeit erledigte ich noch vor dem vereinbarten Termin. Nach einem Gespräch mit der Personalleitung wurde mir klar, dass ich keine Zukunft in dem Betrieb hatte. Mir wurde eine kleine Abfindung angeboten und das Arbeitsverhältnis wurde beendet.

Zu dieser Zeit überschlugen sich die Ereignisse: meine Eltern entschieden sich, für immer nach Acquedolci, einem Ort am Meer, dreizehn Kilometer von San Fratello entfernt, zurückzukehren. Nachdem mein jüngerer Sohn inzwischen einen Kindergartenplatz bekam, konnte ich mich um eine Halbtagsstelle als Marketing-Assistentin beim Solinger-Tageblatt bewerben.
Mein Studium schloss ich mit dem Bachelor of Arts ab. Meine Abschlussarbeit befasste sich mit der Identitätsentwicklung von ausländischen Jugendlichen. Durch meine Honorartätigkeit im mobilen Übersetzungsdienst der Stadt Solingen kam ich auch in Berührung mit dem Stadtteil Hasseldelle. Als die Stelle der Stadtteilkoordinatorin (danach Quartiersmanagerin) vakant wurde, bot man mir Ende 2002 diese Stelle an.

Während dieser Tätigkeit erfuhr ich von einer Kollegin über die Möglichkeit, einen Masterabschluss im neu gegründeten europäischen Studiengang Quartiersmanagement, Gemeinwesenentwicklung und Lokale Ökonomie zu erhalten. Da dieses Studium genau meinem Tätigkeitsfeld entsprach, bewarb ich mich dafür. Von 2004 bis 2007 absolvierte ich dann nebenberuflich mit Intensivseminarwochen bei München und verlängerten Wochenend-Forschungswerkstätten in Zürich meinen Master.
Einige Menschen sagen „ es gibt keine Zufälle“ und irgendwie hat meine eigene Bildungsbiografie mich sowohl privat wie auch beruflich stark beeinflusst. Denn 2010 wechselte ich zur Stadt und zwar zur damaligen RAA (Regionalstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund). Hier hatte ich im Rahmen einer Weiterbildung einige Jahre davor ein Praktikum absolviert. Aus der RAA wurde 2012 das kommunale Integrationszentrum.
Seit 2016 bin ich im Regionalen Bildungsbüro der Stadt für das Projekt „Koordination der Bildungsangebote für Neuzugewanderte“ zuständig. Also bleibt die Bildungsthematik der rote Faden in meinem Leben.

Mein Mann hat sich nach der jahrelangen Tätigkeit im Export 2009 entschieden, eine Firma zu übernehmen. Diese entwickelte und vertrieb in Deutschland und weltweit Geschenkartikel rund ums Bier. Im Jahr 2017, nach vielen Höhen und Tiefen, hat er sich entschieden diese aufzugeben und ist zu seinen „Wurzeln“ zurück gegangen: Er ist seit Januar 2018 für eine kleine Brauerei für das Auslandsgeschäft verantwortlich.

Mein Sohn Gianluca hat Abitur gemacht und eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelkaufmann absolviert. Inzwischen hat er eine Anstellung bei einem Unternehmen, das sprachlich sehr international ausgelegt ist. Mein jüngerer Sohn Robin absolviert ebenfalls, nach dem Fachabitur, eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann.

Fazit Wenn ich in Italien bin, dann erwachen in mir Gefühle, die ich hier nicht spüre und erst dort entstehen, und plötzlich weiß ich, was mir hier fehlt, ob es die Luft, die Gerüche, die Menschen sind, die diese Gefühle verursachen. Wer weiß? Vielleicht alles auf einmal. Anderer seits freue ich mich, nach den Aufenthalten in Acquedolci/ San Fratello wieder nach Solingen zurückzukommen.

Hier ist mir alles vertraut, ich fühle mich wohl, ich kenne viele Menschen, hier haben wir unsere Freunde, unsere Arbeit. Das ist letztendlich mein neues Zuhause geworden.

Diese doppelte Gefühlswelt gehört nun mal zu mir und ich möchte mich auch nicht zwischen beiden entscheiden. Sondern beide miteinander und nicht nebeneinander leben lassen. Und um die Wahrheit zu sagen, fühle ich mich privilegiert, diese Möglichkeit zu haben, ein inneres „Doppelleben“ zu führen, um daraus schöpfen zu können.

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